Aus der Vogelperspektive gibt es neben den Banken zur Zeit keine Branche, deren Reputation in der Krise so sehr Schaden nimmt, wie die der Automobilindustrie. Der Sektor rennt aktuell von einem ökonomischen und PR-Desaster ins nächste: Chrysler insolvent, GM fast. Um Saab wird gerungen, um Opel gestritten. Schaeffler überschuldet, Magna und Fiat nicht überzeugend. Porsche war arrogant, Volkswagen ist arrogant. BMW baut Mercedes und Mercedes BMW. Und durch den Begriff der "Abwrackprämie" existiert das Produkt selber fast nur noch subventioniert und ex negativo.
Es wird im nächsten Jahrzehnt interessant zu beobachten sein, inwiefern diese Vorgänge Symptome einer längst überfälligen, strukturelle Neuordnung des Sektors oder aber eines grundsätzlichen Paradigmenwechsels waren. Glaubt man Zukunftsforschern wie Charles Leadbeater, den ich auf dem Trendtag live erleben durfte, dann ist das Businessmodell der Branche ein Dinosaurier: in einem ökonomischen Kontext, der "Mass Creativity" statt "Mass Production" fördert, und in dem Skaleneffekte zusehends unwichtiger werden, sind Allianzen wie die von Mercedes und BMW eher ein Rückzugsgefecht als ein Schritt in die Zukunft und die Probleme der Zulieferindustrie keine partielle Schwäche sondern das Anzeichen für eine totale Überreizung der "Just-in-time"-Ökonomie. Dies vorausgesetzt, wird sich die Branche nicht nur neu ordnen sondern völlig neu erfinden müssen, um ihre wirtschaftliche wie gesellschaftliche license to operate zu erhalten.
Ob Leadbeater recht haben kann, ist für mich schwer zu beurteilen und muss die Zeit zeigen. Aus der Perspektive professioneller Kommunikation ist jedoch klar, dass auch permanente Selbstdemontage auf dem Schrottplatz führt, ob mit oder gegen den Trend.

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